Blog - Kulturnuancen
Biri yer, biri bakar; kıyamet ondan kopar
Folgende Situation können viele meiner türkischen Mitmenschen bestätigen: Du warst damals bei deinem Klassenkameraden/deiner Klassenkameradin zu Besuch und wurdest irgendwann aufgefordert doch bitte nach Hause zu gehen, 'weil man jetzt gemeinsam Mittagessen wolle'.
Gemeinsam hieß in diesem Fall "wir ja, du nicht".
▸ Die Plätze am Tisch blieben der Familie vorbehalten.
(Leider habe ich aus meiner gesamten Schulzeit keine einzige Erinnerung, die in eine andere Richtung geht. Die kamen erst viel später, als ich Anfang/Mitte Zwanzig war.)
In meiner türkischen Familie (und wie gesagt, größtenteils später und bis heute auch bei meinen nicht-türkischen Freunden) war komplett das Gegenteil der Fall, denn bei uns wars selbstverständlich, dass unsere Gäste mitaßen. Ich erinnere mich sogar noch daran, wie darauf bestanden wurde, und man dem Gast sogar drohen musste (meistens wars meine Oma), dass er sonst den Tod des Gastgebers ("Ölümü gör") sehen würde, wenn er nicht bliebe.
Die Regel lautete: Wer da war, aß mit. Punkt! Jemanden einfach nach Hause zu schicken, wäre maximale Verletzung der Gastfreundschaft gewesen. (ich belasse das heute beim Fragen mit ein bisschen Nachdruck, aber das ist für mich das Mindeste 😅✌🏼)
Im Türkischen gibts eine Redewendung, die ziemlich drastisch aber halt auch sehr treffend ist:
"Biri yer, biri bakar; kıyamet ondan kopar." = "Einer isst, einer schaut zu; davon bricht der Weltuntergang los."
Als deutsches Pendant ist mir "jemandem etwas vor der Nase wegessen" eingefallen. Klingt im ersten Moment thematisch zwar ähnlich, bleibt allerdings irgendwie in einem sehr persönlichen Rahmen und das Thema „Weltuntergang“ wird gar nicht erst mitgedacht, wohingegen die türkische Redewendung vom Kollektiv her denkt.
Was bei der türkischen Redewendung mit "Weltuntergang" gemeint ist, sind übrigens die feinen Erschütterungen, die entstehen, wenn eine ungeschriebene Regel des Miteinanders gebrochen wird, und ja, das geht auch weit über das gemeinsame Essen hinaus.
Im Kontext von Essen lautet die Regel: Wer am Tisch sitzt, gehört dazu. Wer dazugehört, isst mit und bekommt ab.
Wie gesagt, diese Logik lässt sich auch auf ein Team übertragen, wenn zB eine Person ihren Erfolg feiert und andere im Schatten stehen lässt, oder auf die Runde, in der einer das Wort hat und andere schweigen sollen weil es „halt so ist“ oder auch auf die Gesellschaft, in der manche Menschen vom völlig selbstverständlichen Zugang profitieren können und andere am Spielfeldrand stehen und höchstens zuschauen dürfen!
Daraus können dann jeweils die entsprechenden Regeln abgeleitet werden.
Zusammenfassend kann man sich aber hier dran orientieren:
Kollektive Verantwortung bedeutet ➜ Hinschauen ist der erste, ➜ das Benennen der Missstände der zweite und ➜ das gerechte Teilen der konsequente dritte Schritt.
Alles andere führt über kurz oder lang zum "Weltuntergang"!