Blog - Kulturnuancen
Hakkını helal et
Letzte Woche Mittwoch hatte ich meine Knie-OP.
Vorher habe ich mit ein paar Menschen telefoniert, um "hakkını helal et" zu sagen.
"Hakkını helal et" wortwörtlich zu übersetzen ist nicht wirklich möglich, aber sinngemäss bedeutet es so viel wie "meine Rechte an dir sind dir vergeben, deine Rechte an mir mögen mir vergeben sein". Quasi ein gegenseitiges Freisprechen. In meinem Fall war das vor der OP.
Für deutsche Ohren mag das vermutlich dramatisch oder übertrieben spirituell klingen aber in türkischen und islamisch geprägten Familien ist "Helalleşmek" eine selbstverständliche Praxis: Man "räumt" auf, solange man kann.
Meistens geschieht das vor einer Reise, beim verabschieden, vor medizinischen Eingriffen, vor der kleinen und großen Pilgerfahrt und auch vor dem Tod. Alle materiellen und immateriellen Rechte, die Menschen gegeneinander haben, von Geld über Worte bis hin zu Verletzungen, unbezahlte Schulden und unausgesprochene Kränkungen - alles soll durch dieses Ritual gegenseitig, auf Augenhöhe und mit vollem Einverständnis vergeben werden.
Die spirituelle Logik dahinter: Im Islam vergibt Gott die Rechte zwischen Menschen nicht. Nur die Menschen selbst können einander davon freisprechen. Deshalb macht man es zu Lebzeiten, solange man kann, um mit aufgeräumten Beziehungen ins Ungewisse zu gehen.
Im Deutschen gibt es "Vergebung", "Versöhnung" oder "sich aussprechen". Alles wertvolle Konzepte, die jeweils etwas Eigenes leisten. Was bei "Helalleşmek" hinzukommt ist das Rituelle, die Klarheit, vor allem die Gegenseitigkeit und die Selbstverständlichkeit, dass es als festes Ritual einfach zum Leben dazugehört.
Und für die Skeptiker und Realisten unter uns: Helalleşmek ist kein Allheilmittel, das alle Konflikte löst aber es ist eine Praxis, die verhindert, dass man mit dem Gewicht unausgesprochener Schuld weiterzieht. Eine Möglichkeit, symbolisch und real einen Schlussstrich zu ziehen, bevors der Körper oder das Leben tut.😉
Vielleicht wärs ja eine gute Idee, sich vor wichtigen Ereignissen bewusst zu fragen: Mit wem möchte ich noch sprechen, weils möglicherweise noch etwas unausgesprochenes gibt? Wo hatte ich (vielleicht unbewusst) das Gefühl, dass ich mit einem Menschen noch nicht wirklich im Reinen war?
Dann wäre dieser Impuls vielleicht eine gute Gelegenheit.
PS: Ausnahmslos jedesmal, wenn ich auf einen Menschen zuging und um "hakkını helal et" gebeten habe, war ein Gefühl von Frieden und Liebe im Raum. Egal ob ich den ersten Schritt tat oder die andere Person. Dieses Ritual hat für mich deshalb eine unfassbar starke Bedeutung.
PPS: Die Antwort auf "hakkını helal et" ist "helal olsun".