Blog - Kulturnuancen
Kusura bakma
Es gab zwei Worte, die ich schon als Kind 'irgendwie suspekt' fand. Zwei Worte, die wie eine Entschuldigung klingen sollten, sich aber nie wie eine anfühlten, weil sie entweder in gereizter Stimmung oder mit scharfem Ton und mit einer Prise Gegenklage durch die Luft flogen. Erst viel später verstand ich, warum: Weil sie nie eine war.
"Kusura bakma" bedeutet wörtlich 'schau nicht auf den Fehler'.
Die richtige Entschuldigung lautet "özür dilerim" oder "beni affet", wörtlich 'ich bitte um Entschuldigung' oder 'vergib mir'.
Die Basis (auf)richtiger Entschuldigungen: Ich sehe, was ich getan hab', mir tuts leid und ich übernehme die Verantwortung. Man zeigt Reue, Einsicht und gibt ein stilles Versprechen, es besser zu machen. Wer so spricht, stellt sich der eigenen Fehlbarkeit.
"Kusura bakma" ist eher eine fordernde Bitte, über den gemachten Fehler hinwegzusehen und so zu tun, als wärs nicht passiert. Der Fehler bleibt bestehen und man schiebt die Verantwortung von sich weg. Deshalb auch der scharfe Ton, denn der Satz will das Thema beenden, ohne sich damit auseinandergesetzt zu haben.
Die deutschsprachigen Entsprechungen für die weniger (auf)richtigen Entschuldigungen klingen so: "Nichts für ungut", "War nicht so gemeint" oder "Nimm's mir nicht übel".
Sätze, die erstmal wie eine Entschuldigung klingen sollen, aber im Kern keine sind.
Und zwar aus einem wichtigen Grund: Alle diese Sätze werden erst mit einem 'aber' vollständig. "Kusura bakma, ama...", "nichts für ungut, aber...", "nimms mir nicht übel, aber…", "war nicht so gemeint, aber...".
➜ Genau diese "abers" lassen Entschuldigungen niemals stattfinden, weil sie alle noch Platz für eine Rechtfertigung bereitstellen, weil sie 'Nicht ich muss mich mit meinem Fehler auseinandersetzen, du sollst ihn für mich vergessen.' sagen und die Verantwortung dorthin schieben, wo sie am wenigsten hingehört: zum Gegenüber.
Ich glaube, damals steckten selten böse Absichten dahinter. Menschen sagten das zu Menschen, die ihnen am nächsten standen, manchmal auch wissend, dass sie verletzten aber trotzdem wählten sie diese Worte, die das Gegenüber baten, wegzuschauen.
Doch warum ist das so? Warum fühlt sich eine echte Entschuldigung für manche Menschen so an, als würden sie sich klein machen oder die Welt könnte gleich untergehen?
Die Fähigkeit, sich aufrichtig zu entschuldigen können, gehört zu den am meisten unterschätzten #SocialSkills, denn sie verlangt, das eigene Ego für einen Moment zur Seite zu stellen und die Wirkung des eigenen Handelns wichtiger zu nehmen als die Absicht.
Wer sich entschuldigen kann, baut Vertrauen auf.
Wer immer nur "kusura bakma" oder "nichts für ungut" sagt, baut es ab.